Hirschhausen kritisiert Gewinnstreben im Gesundheitssystem

Portrait von Eckart von Hirschhausen

Foto: dpa/Karlheinz Schindler

Eckart von Hirschhausen nimmt Stellung zum Gewinnstreben im Gesundheitssystem.

Gewinnstreben und überbordende Digitalisierung schaden nach Ansicht des Arztes und TV-Moderators Eckhart von Hirschhausen dem Gesundheitssystem. "Viele Ärzte schauen heute erst mal auf den Bildschirm statt ihren Patienten in die Augen", sagte der Buchautor am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion der Hanns-Lilje-Stiftung in Hannover. Menschlicher Kontakt zwischen Patienten und Ärzten sowie Pflegenden sei ein wichtiger Faktor, der aus Renditegründen jedoch immer weiter zurückgedrängt werde. Der digitale Beitrag werde in seiner positiven Wirkung hingegen überschätzt.

Grundgedanken des Gesundheitssystems seien Nächstenliebe und Gastfreundschaft, sagte der Mediziner. Daher stammten wortgeschichtlich auch Begriffe wie "Hospital" oder "Charité". In modernen Kliniken sei von diesen Werten jedoch kaum noch etwas zu spüren. Seit den 1980er Jahren werde das Gesundheits- und Pflegesystem von fachfremden Wirtschaftsberatern immer stärker auf Rendite getrimmt, kritisierte er. So entstehe ein "zynisches" System, das nur heile, wenn damit dauerhaft Profit zu machen sei. Es sei ein Skandal, dass nicht lauter dagegen protestiert werde.

Es sei in der Rationalisierungslogik nur folgerichtig, dass bald Gesundheits-Apps Diagnosen stellten und Roboter die Pflege übernähmen, sagte Hirschhausen. Dabei verbessere gerade ein zwischenmenschlicher Kontakt die Heilungschancen und erhöhe nachgewiesenermaßen die Wirksamkeit von Medikamenten.

Der Mediziner und frühere Kirchentagspräsident, Eckhard Nagel, sagte, die neue digitale Welt habe durchaus nützliche Entwicklungen hervorgebracht. So werteten Computer heute automatisch EKGs aus. Zudem könnten Chirurgen Operationen per Robotersteuerung - und damit präziser als früher ausführen. Künstliche Intelligenzen wie der IBM-Computer "Watson" versuchten herauszufinden, unter welchen seltenen Krankheiten bestimmte Menschen litten. Die meisten Gesundheits-Apps für Smartphones seien jedoch nur Spielereien.

Das Behandlungsverhältnis zwischen Arzt und Patient beruhe vor allem auf Vertrauen, betonte Nagel, der Chefarzt und Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften in Berlin ist. "Der Arzt muss seinen Patienten im wahrsten Sinne des Wortes begreifen." Inzwischen stehe der Deutsche Ärztetag jedoch kurz davor, das "Fernbehandlungsverbot" aufzuheben, das bislang eine ärztliche Untersuchung per Telefon oder Bildschirm ausschloss.

Die Digitalisierung im Gesundheitssystem habe Schattenseiten. Der einzelne Mensch werde immer unwichtiger, warnte Nagel. Es drohe die Gefahr, dass Patienten letztlich zu Statisten würden.