Zwischen Schule und Spitzensport

Zu Besuch im Gymnasium der CJD Christopherusschulen in Berchtesgaden (Bayern)
Schüler bei einer Gleichgewichtsübung.

Foto: PR

Training und Schule werden an den CJD Christopherusschulen in Berchtesgaden so miteinander verzahnt, das keins von beidem zu kurz kommt.

Entspannte Winterwochenenden kennen die meisten Internatsschüler am Gymnasium der CJD Christopherusschulen Berchtesgaden nicht – denn sie sind Leistungssportler und gehen auf eine der wenigen "Eliteschulen des Sports". Dort wird das sportliche Potential gefördert und gleichzeitig eine erfolgreiche Schullaufbahn ermöglicht. Aber auch Schüler mit Legasthenie oder AD(H)S profitieren vom Konzept der Schule.

Dichter, undurchdringlicher Nebel hängt Luft und erschwert die Sicht. "Da drüben ist der Watzmann", erzählt Paula und deutet nach rechts. Doch die weiße Nebelwand lässt den majestätischen, schneebedeckten Berg noch nicht einmal in seinen Umrissen erahnen. "Normalerweise ist die Aussicht hier fantastisch, selbst aus meinem Zimmer kann ich die Berge sehen", beteuert die 17-jährige Abiturientin, es sei einer der vielen Gründe, warum sie so gerne hier sei.

Seit September 2017 ist Paula im Internat.

Der viel wichtigere ist jedoch der Sport: Paula ist Leistungssportlerin im Deutschen Ski-Verband und fährt Ski-Alpin-Rennen. Damit sie sich nicht zwischen Spitzensport und Schule entscheiden muss, sondern beides meistern kann, ist sie im September 2017 nach Berchtesgaden gekommen. "Vorher war ich zwar an einer "Partnerschule des Wintersports", aber das ist mit dem hier nicht zu vergleichen", erzählt Paula.

Das Internat und Gymnasium der CJD Christopherusschulen in Berchtesgaden ist eine der sieben "Eliteschulen des Sports", die ausschließlich auf Wintersport fokussiert ist. "Eliteschulen des Sports" sind an Olympiastützpunkte angebunden und bieten den besten Nachwuchsathleten ausgezeichnete Trainingstrainings- und Bildungsbedingungen. "Unsere Spitzensportler können sich zum Beispiel für die Schulzeitstreckung entscheiden", erklärt Schulleiter Stefan Kantsperger, "das bedeutet, dass die elfte Klasse auf zwei Jahre aufgeteilt wird. So verringern wir den Stress der Athleten."

Denn durch das intensive Training, die Trainingslager und die Wettkämpfe häufen sich bei den Sportlern schnell enorme Fehlzeiten an, die zu großen Rückständen in der Schule führen können. "Jetzt gerade bin ich verletzt und kann deshalb nur eingeschränkt trainieren, aber normalerweise wird schon morgens um sechs vor der Schule trainiert, dann nach der Schule wieder und zu Wettkämpfen reisen wir meist schon am Donnerstag an", erklärt Paula. Manchmal werde man hier sogar fürs Training von der Schule befreit, was an "normalen" Schulen und selbst an den "Partnerschulen des Wintersports" nicht so einfach gewesen sei.

Der einzige Haken: alles, was in dieser Zeit in der Schule behandelt wird, muss irgendwie irgendwann nachgeholt werden. Doch der Gedanke stresst die Abiturientin nicht mehr so sehr, seit die aufs Internat geht. "Hier wissen die Lehrer nämlich, was Leistungssport bedeutet, sie unterstützen uns und helfen gerne, wenn man auf sie zukommt", sagt Paula. Eines dieser unterstützenden Angebote ist der sogenannte "Osterunterricht" – während andere Schüler vor Ostern schon Ferien haben, holen die Sportler und alle anderen, die wollen, verpassten Lernstoff nach.

Den Lehrern geht es aber nicht nur um die Vermittlung des Lernstoffs, sondern auch darum, die jungen Menschen gut auf ihr späteres Leben vorzubereiten. "Wir führen die Schule auf der Basis christlicher Werte. Uns sind Toleranz und ein respekt- und achtungsvoller Umgang miteinander sehr wichtig", sagt Schulleiter Kantsperger. Immer wieder werden besondere Aktionen organisiert, die aus dem Lehrplan herausgehoben werden und den Schülern ihre privilegierte Lage vor Augen führen soll – dazu zählen zum Beispiel Kuscheltiersammlung oder ein Spendenlauf für Kinder in Syrien. "Der Leistungsgedanke und das unbedingte Gewinnen-wollen spielen an unserer Schule bei so vielen Spitzensportlern natürlich eine Rolle", räumt Kantsperger ein, führt aber weiter aus, dass das der protestantischen Arbeitsethik ja nicht grundsätzlich widerspreche. "Erfolg ist nicht unwichtig. Aber viel wichtiger für uns ist der Weg dorthin: Es geht dabei um Fairness und darum, keine unlauteren Mittel einzusetzen." Diesen Gedanken versuche man den Schülern zu vermitteln.

Das Internatsgelände "Am Dürreck" ist eingerahmt von majestätischen Bergen.

Aber nicht nur Deutschlands Nachwuchswintersportler können auf das Internat der CJD Christopherusschulen in Berchtesgaden gehen. Marie hat sich vor drei Jahren mit ihren Eltern zusammen das Internat angeschaut, das auf 1.200 Metern Seehöhe direkt am Rand des Nationalparks Berchtesgaden liegt. Am Ende fiel ihr die Entscheidung leicht: "Ich habe Legasthenie und ADS", erklärt sie ganz offen,  "deswegen haben mich die besondere schulische Förderung und die kleinen Klassen angesprochen. Denn wenn die Sportler weg sind, bleiben oft nur noch acht Schüler übrig."

Marie ist im dritten Jahr auf dem Internat und sagt selbst, dass sie sich hier besser konzentrieren kann.

In solchen Klassen können sie, die manchmal träumt und in Gedanken ganz weit weg sei, sich viel besser konzentrieren. Außerdem hatte sie lange Zeit auch wöchentliche Sondersitzungen mit den Legasthenie-Therapeuten der Schulen. All diese Bemühungen spiegeln sich auch in Maries Notendurchschnitt wieder – hatte sie vorher einen eher mittelmäßigen Zweierschnitt, kann sie jetzt mit einem Einserschnitt aufwarten.

Die schulische Förderung sei jedoch nicht der einzige Pluspunkt des alpinen Internats gewesen. "Die Aussicht ist unschlagbar, hier gibt's die fantastische Natur und viele Freizeitmöglichkeiten, bei denen wir rauskommen", schwärmt die junge Frau, die dieses Frühjahr ihr Abitur macht und danach Zahnmedizin studieren möchte. Auch das Internatsleben gefalle ihr – alle würden zusammen essen, Freistunden und Lernzeit verbringe sie auf ihrem Einzelzimmer, es gebe Einkaufsfahrten nach Berchtesgaden und abends treffe man sich ab und an mal zu Filmen und Brenzen. "Die Wochenenden und die Ferien fahre ich meistens aber doch nach Hause ins Allgäu", erzählt sie. Das Evangelische an den CJD Christopherusschulen merkt man auch im Schulalltag, findet Marie. "Es gibt Gottesdienste vor den Ferien und vorm Matheunterricht haben wir ein Gebet gesprochen. Da durften aber alle drüber abstimmen und niemand wurde ausgegrenzt." Außerdem gibt es keinen Ethikunterricht, sondern nur evangelischen oder katholischen Religionsunterricht – Schüler anderer Konfession oder ohne Bekenntnis nehmen meist am evangelischen Religionsunterricht teil – der sei nicht so voll, da die meisten katholisch seien.

Drei Fragen an Stefan Kantsperger

Aber auch in den Religionsunterricht fließen die Erfahrungen und Erlebnisse aus dem Sportlerdasein mit ein, findet Paula: "Wir reden viel über das positive Denken, über unsere Vorbildfunktion als Sportler, aber auch über den Umgang mit Rückschlägen." Denn dass in einer Sportkarriere nicht immer glatt laufen muss, weiß auch Paula. An den CJD Christopherusschulen in Berchtesgaden werden den Schülern jedoch so viele Stolpersteine wie möglich aus dem Weg geräumt: Kurze Wege zu den Trainingsstätten, hervorragende Trainingsmöglichkeiten, ein gebündeltes Kompetenzteam der DSV-Trainer und eben eine Schule, die auf ihre Bedürfnisse eingeht – das alles trägt zum Erfolg der Schule bei. Und auch Paula hat das gebraucht. "Seit ich hier bin, sind meine Noten deutlich besser geworden. Die Entscheidung fürs Internat war definitiv richtig." Das haben schon vor ihr erfolgreiche Olympioniken wie Georg Hackl, Hilde Gerg, Maria Höfl-Riesch, Viktoria Rebenburg, Felix Loch oder auch Andreas Wellinger so gesehen. Und der Erfolg der Förderung spricht auch für sich: Bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeong Chang waren mehr als die Hälfte der deutschen Sportler aktuelle oder ehemalige Eliteschüler des Sports – und sie waren an 26 von 31 Medaillengewinnen (84 Prozent) beteiligt.

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