"Ich musste ihm dreimal in der Woche zur Verfügung stehen"

Kindersexhotspot Kambodscha
Chom wehrt sich gegen Sextouristen in Kambodscha

Foto: Michael Lenz

Chom ist ein mutiger Mann. Offen spricht er über den sexuellen Missbrauch, dem er in einem Waisenhaus in Phnom Penh ausgesetzt war.

Geschlagen, gedemütigt und zum Sex gezwungen - das ist das Schicksal vieler Kinder in Kambodscha. Ihnen wird von Einheimischen und Kindersextouristen Unbeschreibliches angetan. Eine von "Brot für die Welt" unterstützte Organisation hilft den Opfern und bringt Täter vor Gericht.

Chom ist Manager einer Disco in Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas. Das findet der 25-Jährige gut, kann er doch Party machen mit seiner Arbeit verbinden. Aber er gibt auch freimütig zu, dass das Nachtleben zehrt, zumal er auch in der Kneipe wohnt. Logis in Form eines Sofas in der Kneipe ist im Arbeitsvertrag eingeschlossen.

In Kürze tritt Chom in der Touristenstadt Siem Reap mit den berühmten Tempeln von Angkor einen Job in einem Restaurant in der Partymeile Pub Street an, den er als Karriereschritt sieht. Die Arbeitszeiten sind besser, das Monatssalär beträgt mit 300,00 Dollar weit mehr als das Doppelte dessen, was in der Disco verdient.

Chom ist ein mutiger Mann. Offen spricht er über den sexuellen Missbrauch, dem er in einem Waisenhaus in Phnom Penh über einen längeren Zeitraum ausgesetzt war. Allerdings bittet er darum, nicht bei seinem richtigen Namen genannt zu werden.  "Ich war sechzehn, als der Leiter des Waisenhauses mich missbrauchte. Ich musste ihm dreimal in der Woche zur Verfügung stehen", erzählt Chom im Garten eines Restaurants am Hafen von Phnom Penh.

Mit 20 zeigte er seinen Peiniger an. Von Freunden hatte er von Action Pour Les Enfants (APLE) gehört, einer von "Brot für die Welt" geförderten Organisation, die sich dem Kampf gegen Kindersex in Kambodscha verschrieben hat. Mit Hilfe von APLE brachte Chom den Mann vor Gericht. "Ich wurde mehrfach von dessen Freunden telefonisch bedroht", erinnert sich Rathana, der als Kind von seinen Eltern in ein Waisenhaus abgeschoben worden war. Er hat sich nicht einschüchtern lassen, sagte vor Gericht aus und war froh, als sein Peiniger zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

APLE begleitet Missbrauchsopfer vom ersten Moment des Kontakts an bis zum Ende von Prozessen und darüber hinaus. Chom nimmt regelmäßig an Therapiesitzungen mit anderen Missbrauchsopfern teil. Khuon Phalla, die als Sozialarbeiterin bei APLE auch Rathana betreut, weiß: "Missbrauchsopfer stehen oft unter Druck. In den Gruppen helfen wir ihnen, durch Gespräche, aber auch Aktivitäten wie Malen oder Schwimmen Strategien des Stressmanagements zu vermitteln."

Kambodscha als Ziel für Kindersextouristen

Als Opfer von Missbrauch durch einen Kambodschaner ist Rathana nicht der 'klassische' Klient von APLE, die mehr auf die Opfer von Kindersextourismus fokussiert ist. Nachdem vor über 15 Jahren das benachbarte Thailand begann, rigoros gegen Pädophile vorzugehen, verlagerte sich die Pädophilenszene von Bangkok und Pattaya nach Phnom Penh, Sihanoukville und Siem Reap. Die Kambodschaner waren arm, Polizei und Behörden korrupt, von Kinderrechten hatte niemand je was gehört. Kambodscha wurde zum Hotspot für Kindersextourismus.

Inzwischen hat sich einiges getan. Polizei, Behörden, Politik und Justiz haben das Problem erkannt, gehen gegen Kindersextouristen vor. Organisationen wie APLE haben mit ihrer langjährigen Arbeit Ansätze eines Bewusstseins für das Verbrechen "Kindersex" geschaffen.

Werbung gegen Kinder-Sextourismus schafft Aufmarksamkeit für das Verbrechen "Kindersex" in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh.

Die Pädophilen reagieren mit neuen, subtileren Methoden der Verführung von Kindern. "Sie agieren seit etwa 2010 mehr im Untergrund und nutzen zudem das Internet", weiß Virak. Der 38-jährige ist einer der Ermittler von APLE und will deshalb als auch zum Schutz seiner Familie nicht mit seinem richtigen Namen in den Medien vorkommen. "Ich habe in mehr als 100 Missbrauchsfällen ermittelt und bin oft von den Tätern und deren Freunden bedroht worden", sagt der mehrfache Familienvater. "Sobald wir von einem Missbrauchsfall erfahren, nehmen wir Kontakt zu der Familie des Opfers auf, versuchen, die Identität des Täters zu ermitteln und zeigen ihn dann bei der Polizei an."

Perfide Strategien und Abhängigkeitsverhältnisse

Über die neuen Methoden der Kinderschänder sagt Virak: "Die westlichen Pädophilen umwerben die Kinder und oft auch deren Familien langfristig mit Geschenken und regelmäßigen finanziellen Zuwendungen, bevor sie die 'Gegenleistung' verlangen. Oder sie unterstützen Schulen oder Waisenhäuser und erschleichen sich so deren Vertrauen. Die asiatischen Pädophilen hingegen setzen auf kambodschanische Mittelsmänner, die für sie den Kontakt zu Familien oder Institutionen herstellen."

Korruption ist noch immer ein großes Problem in Kambodscha. "Wir sind ein armes Land", so Virak. "Ausländer haben Geld und kommen daher oft mit leichteren Strafen davon als andere." Ein anderes Problem seien Familien auf dem Land. "Die sind noch nicht über Sextourismus aufgeklärt und selbst wenn sie mitbekommen, dass ihr Kind von dem 'freundlichen' Ausländer sexuell missbraucht wird, zeigen sie das oft nicht an. Sie wollen nicht oder können nicht auf die finanziellen Zuwendungen des Mannes verzichten."

Mehr als die Hälfte aller kambodschanischen Kinder und Jugendlichen sind vor ihrem 18. Lebensjahr körperlicher Gewalt ausgesetzt. 20 Prozent erleiden seelische Grausamkeiten und fünf Prozent werden Opfer sexueller Gewalt. Betroffen sind Mädchen und Jungen gleichermaßen. Das ist das schockierende Ergebnis einer gemeinsamen Studie von UNICEF der US Centres for Disease Control and Prevention (CDC) und kambodschanischen Behörden.

Sexueller Missbrauch in buddhistischen Klöstern

Mit der großen Enthüllungsgeschichte "The sound of silence: sexual abuse in Cambodias Buddhist pagodas" wagte im Februar dieses Jahres das in Phnom Penh erscheinende Magazin Southeast Asia Globe einen Tabubruch. Vor allem auf dem Land geben Familien ihre Kinder oft in die Klöster, wo sie von den Mönchen unterrichtet und ernährt werden und im Gegenzug als "Pagoda Boys" niedere Arbeiten wie putzen und kochen verrichten. Aber so mancher der zu zölibatärem Leben verpflichteten Mönche vergreift sich sexuell an den Kindern.

"Für die meisten Menschen sind die Tempel heilige Orte, ein Platz, an dem Gott gegenwärtig ist. Daher werden Probleme oft nicht angesprochen – alles passiert hinter verschlossenen Türen... Wenn sexueller Missbrauch stattfindet, finden sie Wege, diesen zu vertuschen", sagt Yaim Chamreun, Direktor der Kinderschutzorganisation First Step Cambodia, gegenüber dem Magazin SEA Globe, das in seiner Reportage den sexuellen Kindsmissbrauch in den buddhistischen Klöstern Kambodschas mit dem weltweiten Missbrauchsskandal der katholischen Kirche vergleicht.

Die Leitung von APLE vermittelte den Kontakt zu Rathana, zu der Sozialarbeiterin, zu dem Ermittler. Andererseits war sie nicht zu einem Interview bereit. Ein Grund dafür könnte in der angespannten politischen Situation Kambodschas liegen, wo in diesem Juli Parlamentswahlen stattfinden. Zur Machtsicherung hat Premierminister Hun Sen die Oppositionspartei CNRP auflösen lassen, deren Parteichef Kem Sokha ins Gefängnis gesteckt, kritische Medien verboten und durch ein drastisches NGO-Gesetz die Nichtregierungsorganisationen an die Kandare gelegt. "Alle NGO, egal ob sie für Menschenrechte einstehen oder humanitäre und soziale Arbeit leisten, stehen unter dem Generalverdacht, Unterstützer der CNRP zu sein", klagt Saroeun Soeung, Leiter des "CCC -  Cooperating Committee for Cambodia". Das CCC ist ein Dachverband von NGO in Kambodscha, zu dessen Förderern ebenfalls "Brot für die Welt" gehört.

Jagd auf Sextouristen geht weiter

Die Jagd auf pädophile Sextouristen in Kambodscha geht derweil weiter, wie die Erfolgsmeldungen auf der APLE-Webseite zeigen. "4. April: Kambodschanischer Amerikaner wegen sexuellen Missbrauchs von 17 Jungen zu 7 Jahren Haft verurteilt"; "22. März: Lehrer in Kindersexprozess zu 2 Jahren Haft verurteilt"; "27.3.: 11 minderjährige Jungen berichten von sexuellem Missbrauch – zwei Briten angeklagt"; "19.1: Amerikaner und Kambodschaner wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt"; "14.11.17: 14-jähriges Mädchen gerettet – Tscheche hinter Gittern".

Die Opfer brauchen trotz der Erfolge lange, das erlittene Trauma zu verarbeiten, das gebrochene Verhältnis von Chom zu seiner Sexualität zeigt. "Ich stehe auf Männer", sagt er auf die Frage, ob er eine Freundin habe. "Daran ist der Missbrauch schuld."