"Mir geht es gut"

Deniz Yücel feiert Freilassung aus türkischer Haft und sagt Danke
Journalist Deniz Yücel

Foto: Soeren Stache/dpa

Der Journalist Deniz Yücel während der Veranstaltung "Auf die Freiheit" im Festsaal Kreuzberg.

Zum Jahresende bemerkte Deniz Yücel eine neue Wortwahl, wenn in den staatlichen türkischen Medien über ihn berichtet wurde. Bei seiner Festnahme sei er noch der Terrorist gewesen, erinnert sich der Journalist. Doch Ende des Jahres 2017 änderte sich das, fortan sei er der "Welt"-Korrespondent genannt worden. Das war der Moment, an dem er "Licht am Ende des Tunnels" sah, berichtet er am Samstagabend bei einer Lesung in Berlin.

Mehr als ein Jahr saß Yücel ohne Anklage in der Nähe von Istanbul in Untersuchungshaft. Mitte Februar kam er überraschend frei. Im Gefängnis entstand sein Buch "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" mit alten und neuen Texten, aus dem er am Samstagabend bei einer Veranstaltung mit dem Titel "Auf die Freiheit!" vor 800 Zuschauern liest.

Es ist der erste öffentliche Auftritt seit der Haftentlassung und Yücel bedankt sich bei Kollegen und Freunden. "Ich versuche mal, nicht gleich im ersten Moment loszuheulen", beginnt er seine Rede, um dann zu versichern: "Mir geht es gut." Es habe ihm im Gefängnis Kraft gegeben, zu wissen, "dass so viele Leute auf meiner Seite stehen".

Unter den Zuschauern sind auch der Satiriker Jan Böhmermann, die Linken-Chefin Katja Kipping und der Berliner Menschenrechtler Peter Steudtner, der im vergangenen Jahr ebenfalls für einige Monate in der Türkei im Gefängnis saß.

"Es ist nicht vorbei."

Das Silivri-Gefängnis sei ein Ort, "in dem alles darauf ausgerichtet ist, jede Lebensfreude zu nehmen", beschreibt Yücel den Hochsicherheitskomplex, in dem er eingesperrt war: Eine Zelle, in der Bilder an der Wand verboten waren, ein Innenhof aus Beton, "Garten" genannt. Sein Raumschmuck seien Kräuter gewesen, die er im Gefängnisladen gekauft habe: Petersilie, Dill und Minze. Seine Ehefrau Dilek Mayatürk Yücel, die er während der Haftzeit geheiratet hat, habe ihm Briefe auf buntem Papier geschrieben, damit etwas Farbe in seine Zelle komme.

Yücel stellt den Zuschauern auch seinen Anwalt Veysel Ok vor. Kurz vor Oks erstem Besuch im Gefängnis habe der türkischen Botschafter beim Vatikan folgenden Satz gesagt: "Nicht einmal der Papst kann Deniz Yücel befreien." Als er Veysel Ok dann kennenlernte, habe er gedacht: "Das ist also der Mann, der den Mann befreien will, den nicht einmal der Papst befreien kann." Auch wenn Yücels Auftritt vor Freunden, Lesern und Journalisten wie ein Schlussstrich wirkt, stellt sein Anwalt Veysel Ok das Gegenteil klar: "Es ist nicht vorbei." Sie kämpfen jetzt dafür, dass die illegale Inhaftierung Yücels geahndet werde.

In der Türkei läuft das Verfahren gegen Yücel weiter. Auch wenn ein Istanbuler Gericht Mitte Februar die Haftentlassung verfügt hat, werden dem Journalisten, der neben der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, nach wie vor "Propaganda für eine Terrororganisation" und "Aufstachelung des Volkes zu Hass und Feindseligkeit" vorgeworfen. Dafür drohen ihm bis zu 18 Jahre Haft. Ein erster Prozesstermin ist im Juni angesetzt.

Eine gute Nachricht kam jüngst hingegen aus Straßburg: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) verurteilte erstmals die Inhaftierung von Journalisten nach dem Putschversuch von 2016 in der Türkei. Den Richtern zufolge hat Ankara im Fall der beiden Journalisten Sahin Alpay und Mehmet Hasan Altan die Europäische Menschenrechtskonvention mehrfach verletzt. Insgesamt sind mehr als 1.500 weitere solcher Fälle vor dem EGMR anhängig, darunter auch der Fall Yücel.

Das Verfahren hatte er schon aus dem Gefängnis angestrengt, wo er außerdem nicht nur sein Buch schrieb, sondern sich auch deutlich gegen schmutzige Deals zwischen Deutschland und der Türkei für seine Freilassung aussprach. Rückblickend sagt er: "Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir noch sehr viel mehr Krawall gemacht."