Starlight aus Schwaben?

Zu Besuch im Lichtenstern Gymnasium in Sachsenheim (Baden-Württemberg)
Lichtenstern Gymnasium in Sachsenheim

Foto: Daniel Sikinger

Die Lichtenstern-Schüler zu Besuch in der Firma Adam Schäffer in Bietigheim-Bissingen.

In Sachsenheim schreibt man sich auf die Fahnen, ein Gymnasium zu sein, das evangelisch und zugleich offen für andere Religionen ist. Die Schule betont seine einmalige Profiltrias, ein gutes soziales Miteinander und eine Begeisterung fürs Lernen, die weit über das Klassenzimmer und die Schulstunde hinaus geht. Wie das in der Praxis aussieht und was es für Lehrer und Schüler bedeutet? Ein nicht ganz gewöhnlicher Schultag zeigt es.

Etwa 40 Schüler sitzen im Halbkreis auf gepolsterten Sitzwürfeln. Am Ende des Raums: eine Kerze, eine Ikone und ein Nagelkreuz. Es ist 7:50 Uhr – Morgenandacht am Lichtenstern Gymnasium in Sachsenheim: Es wird gesungen, begleitet auf der Gitarre, es geht ums Fasten und darum, ohne Kneifen zu leben, die Geschichte von Jona wird erzählt. Vor allem die Jüngeren sind gekommen, aber auch die Zehntklässlerin Anna schätzt es, so den Tag anzufangen: "Das nimmt den Stress raus," sagt sie.

An diesem Mittwochmorgen ist die Andacht freiwillig. Dagegen ist der Morgenkreis zum Wochenstart ein verbindlicher Teil des Unterrichts. "Wir beginnen die Woche nicht mit Problemen, sondern mit einer Kerze und dem Segen Gottes", sagt der Schulleiter und Pfarrer Reinhart Gronbach. Auch der Religionsunterricht und die Gottesdienste sind Pflicht: Da kommen dann nicht nur die vielen evangelischen, man befindet sich hier im protestantischen Kernland von Schwaben, sondern auch die katholischen Schüler, die syrisch-orthodoxen und genauso: die muslimischen. "Niemand muss mitbeten, aber jeder soll kommen, um unsere Kultur kennenzulernen. Und sofern die Gottesdienste nicht in der Kirche, sondern hier in der Schule stattfinden, ist das auch in Ordnung für die muslimischen Eltern. Sie vertrauen uns, dass wir nicht missionieren und doch zu unserem christlichen Glauben stehen."

Die Morgenandacht am Mittwoch ist freiwillig.

Es läutet. Die Schüler verteilen sich über die drei Schulgebäude auf dem Campus. Anfang der 2000er Jahre wurden in unmittelbarer Nähe des alten Schulhauses, liebevoll Schlössle genannt, drei moderne Flachbauten errichtet, dezentral angelegt und mit überdachten Wegen verbunden. Die Anlage fühlt sich luftig an: Man hat Platz, doch ohne weite Wege zurücklegen zu müssen – von der Mensa bis zur Sporthalle sind es nur wenige Meter – und dabei kommt man nebenbei noch regelmäßig an die frische Luft.

Acht Uhr, der Unterricht beginnt. Mario Glanzmann unterrichtet in der 9a Ökonomie – etwas, das seit letztem Jahr als eigenes Pflichtfach auch auf dem baden-württembergischen Stundenplan steht. Am Lichtenstern Gymnasium gibt es das aber schon seit gut 15 Jahren. Man war seiner Zeit voraus. Außerdem ist Ökonomie hier eines von drei möglichen Profilfächern. Das andere: Musik – traditionell ein Schwerpunkt der Schule; in jedem zweiten Zimmer steht ein Klavier. Und jetzt seit zwei Jahren auch Naturwissenschaft und Technik, passend zum Ländle der Autobauer und Ingenieure. Zusammen ergibt das einen bundesweit einmaligen Dreiklang.

Das alte Schulhaus, liebevoll Schlössle genannt.

In der 9a haben sich neun Schüler für Ökonomie als Profil entschieden. Thema heute: Wirtschaftsrecht, "das vielleicht trockenste Thema," warnt der Lehrer. Max, Aaron, Sabrina und die anderen senken ihre Köpfe über die BGB Paragraphen 104 bis 142. Und trotzdem scheinen sie dabei zu sein, melden sich ausnahmslos, bringen eigene Fallbeispiele ein: Was ist etwa, wenn ich mich über mein Handy ärgere, sage, ich würd's sogar für'n Zehner hergeben und mein Freund nimmt mich beim Wort – wäre das ein gültiger Vertrag? So diskutieren sie Nichtigkeit und Anfechtbarkeit und das erstaunlich engagiert.

Die Einführung von Ökonomie als eigenes Fach ist umstritten und wird immer noch heiß diskutiert: Wirtschaftsthemen werden von gesellschaftlichen Themen abgekoppelt, so die Kritik, worauf einer der Ökonomielehrer erwidert: "Wir am Lichtenstern Gymnasium unterrichten das Fach evangelisch." Das heißt, man fragt immer auch nach den Folgen des ökonomischen Handelns. Man beschäftigt sich also mit Volkswirtschaft genauso wie mit Verantwortungsbewusstsein, mit Wirtschaftlichkeit wie mit nachhaltigem Wertschöpfen von Ressourcen, mit Effizienz und Einsparung ebenso wie mit Bewahrung der Schöpfung. "In Ökonomie lernt man jedenfalls fürs Leben," sagt Max – ein Satz, der wahrscheinlich dem ultimativen Ritterschlag gleicht, wird er von einem Schüler ausgesprochen.

Die Große Pause im Lehrerzimmer.

Die Sonne scheint durch die südliche Fensterfront. In den Strahlen sitzt das junge Kollegium in Trauben um runde Tische und frühstückt hart gekochte Eier, Toast und Kaffee. "Der Schulalltag ist durchzogen mit Pausen, denn ein guter Rhythmus von Anspannung und Entspannung ist uns wichtig," erklärt Reinhart Gronbach. Jetzt, in der großen Pause, machen es die Lehrer vor: Gelassen und gesellig sitzen sie im Lehrerzimmer zusammen, nur wenige arbeiten weiter. In diesem sonnendurchfluteten Geplauder gewinnt man den Eindruck: Einzelkämpfer wären hier fehl am Platz. "Zwar leben wir im Zeitalter des Egoismus. Dieser selbstbezogenen Tendenz wollen wir aber den Blick auf den anderen entgegensetzen: individuelle Leistung und Teamgeist gehören bei uns zusammen," erklärt der Schulleiter. Doch die intensive Absprache, nicht nur innerhalb der Fachschaften, ist auch unbedingt nötig.

Es wird aufs Miteinander und das Menschliche geschaut, das bestätigen die Schüler. "Die Lehrer fragen auch mal nach, wenn sie den Eindruck haben, jemandem geht es nicht so gut," erzählt Jasmin aus der Neunten und ihre Freundin Natalie ergänzt: "Man gibt aufeinander acht." Was aber, wenn das Miteinander schwierig wird, wenn es Konflikte gibt? "Vor einer Weile hatten wir ein Problem mit einem Lehrer," berichtet Lilli, die Dritte im Bunde. "Wir sind zu den Schülercoaches gegangen. Die haben uns dann geholfen." Nicht nur die Schülercoaches sind als Streitschlichter ausgebildet, auch die Lehrer werden dafür geschult, mit dem sogenannten LionsQuest Programm. Bestimmt ist es aber auch die überschaubare Größe der Schule, die dazu beiträgt, dass ein Miteinander und eine gute Kommunikation gelingen kann.

Drei Fragen an Reinhart Gronbach.

In der Industriehalle wabert schwerer Dunst. Die CNC-Maschinen summen wie ein fleißiger Bienenschwarm im Stimmbruch. Es stinkt nach Diesel und Metall. "Was für ein Geruch", freut sich Reinhart Gronbach, "den müssen gerade Gymnasiasten riechen." Der Schulleiter, der selbst in der Werkstatt eines Wagners aufgewachsen ist, zitiert gerne den alten Slogan: Vom Greifen zum Begreifen, das gelte auch fürs Gymnasium. Deshalb hat die Schule eine Bildungspartnerschaft mit lokalen Unternehmen gestartet. In diesem Rahmen sind heute vierzehn Schüler bei der Firma Adam Schäffer in Bietigheim-Bissingen, ein Familienunternehmen, das Präzisionsteile fräst und dreht. Die beiden Geschäftsführer und ein Mitarbeiter nehmen sich viel Zeit, um einen Tag lang die Schülergruppe fürs technische Handwerk zu begeistern.

Helmut Dinkel steht zwischen den Industriemaschinen und lächelt. Der studierte Betriebswirtschaftler und stellvertretende Schulleiter begleitet heute die Schüler und macht so etwas häufiger: Letztens waren sie bei Porsche Logistik, haben an deren Trainingseinheit zur optimierten Fließbandarbeit mitgemacht und danach ihre eigene Bandfertigung eines Holzautos simuliert. Wenn solche fächerübergreifenden Exkursionen und Projekte innerhalb der Unterrichtszeit laufen, dann hat das zur Folge: der Regelunterricht kommt durcheinander, es braucht viel kollegiale Absprache und Flexibilität. Oft laufen sie aber auch außerhalb der Unterrichtszeit. "Und das merkt dann schon auch die Familie, dass ich mich hier mit Freude einbringe," gibt Helmut Dinkel zu. "Es ist viel Einsatz, ich habe aber auch viel Freiraum, meinen Unterricht zu gestalten – und das erfüllt mich in meinem Beruf."

Vielleicht ist das ein Erbe aus der Zeit, in der das Lichtenstern Gymnasium noch ein Internat war. Zwar wurde das Internat 2016 geschlossen, geblieben ist aber eine hohe Verfügbarkeit der Lehrer. Die kommt gut an, auch bei den Schülern, was sich zeigt, wenn zum Beispiel der Neunklässler Noah sagt: "Unsere Lehrer, die sind wirklich engagiert." Und Engagement, das braucht man hier: Heute noch bis 15:50 Uhr, die Schule ist eine Ganztagsschule, aber auch über den Unterrichtsschluss hinaus.

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