TV-Tipp: "Die Faust" (ARD)

14.1., ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipps

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

Die Revolution frisst ihre Kinder: In diesem raffinierten "Tatort" aus Wien führen rätselhafte Ritualmorde zurück in die Geschichte Osteuropas.

Es ist immer wieder eindrucksvoll, wie es dem "Tatort" aus Wien gelingt, am ganz großen Rad zu drehen. Die Fälle mit Moritz Eisner und Bibi Fellner vom österreichischen BKA fallen regelmäßig positiv aus dem Rahmen: handwerklich hochprofessionell, inhaltlich stets für eine Überraschung gut. Richtig gut wurden die Krimis aber erst 2011, als Harald Krassnitzer nach 23 Soloauftritten Verstärkung durch Adele Neuhauser bekam: weil die kantige Majorin Fellner dem grantigen Eisner nichts schuldig bleibt und das Duo seither mit seiner durch kleinere und größere  Gemeinheiten kaschierte gegenseitigen Wertschätzung für großen Unterhaltungswert sorgt. Anders als in den "Tatort"-Episoden aus Münster, in denen die Kalauer nicht selten wichtiger sind als die Handlung, sind die Filme vom ORF auch richtig gute Krimis. In "Die Faust", dem 19. gemeinsamen Fall, geht es sogar um Weltgeschichte, aber das finden Eisner und Fellner erst später raus. Zunächst stehen sie vor einem Rätsel. Nacheinander werden drei Menschen umgebracht und auf eine Weise zur Schau gestellt, die an Ritualmorde erinnert: Das erste Opfer wird an ein auf den ersten Blick nicht erkennbares orthodoxes Kreuz genagelt, das zweite in einer öffentlichen Toilette aufgehängt, das dritte, die einzige Frau, wie eine Galionsfigur an den Bug einer Yacht geschnürt. Der Serienmörder hat dabei Orte gewählt, an denen es von DNS-Spuren nur so wimmelt, außerdem trug er einen Schutzanzug. Ein Motiv können die Ermittler ebenso wenig erkennen wie eine Verbindung zwischen den Toten; aber sie ahnen, dass die sexuell missbrauchten Opfer nicht willkürlich ausgewählt wurden und die rituelle Darbietung bloß Teil einer raffinierten Vernebelungsstrategie sein könnte.

"Die Faust" ist das erste "Tatort"-Drehbuch von Mischa Zickler, der aber natürlich weiß, worauf es bei den ORF-Krimis ankommt. Deshalb hat er seine Geschichte, deren Kern auf verblüffende Weise mit den verschiedenen Revolutionen in Osteuropa verknüpft ist, sehr geschickt mit der Ermittlerebene verknüpft. Auch für diesen Teil der Filme müssen die Autoren ja immer wieder neue Ansätze finden. Dafür steht diesmal die Idee des Innenministers, der Mordkommission eine zweite Abteilung hinzuzufügen. Weil sich Fellner darüber ärgert, dass für den Leitungsposten wieder mal nur Männer in Betracht gezogen werden, bewirbt sie sich kurzerhand, weshalb sich Eisner schon mal in prophylaktischem Abschiedsschmerz ergeht. Die entsprechenden Dialoge sind daher nicht nur vom üblichen Schmäh, sondern auch von einer gewissen Melancholie geprägt. Dass das Duo bei der Suche nach dem Serienmörder ausgerechnet durch den aussichtsreichsten Kandidaten für den neuen Job unterstützt werden soll, sorgt selbstredend für weiteren Zündstoff.

Von ähnlicher Qualität wie das Drehbuch ist die Inszenierung; Christoph Schier hat auch den nicht minder sehenswerten vorletzten Wiener "Tatort, "Wehrlos", inszeniert. Der Regisseur verzichtet auf allzu drastische Aufnahmen, aber es gibt einige effektvolle Schockmomente, wenn der Mörder wie aus dem Nichts auftaucht. Demgegenüber stehen zwar einige ausgesprochen heitere Dialoge, doch der Grundton des Krimis ist von tödlichem Ernst, zumal sich Schier gerade bei der Präsentation der Mordopfer der Bildsprache gängiger Serienkiller-Thriller bedient. Die Bildgestaltung (Thomas W. Kiennast) ist nicht nur wegen des immer wieder kunstvoll gesetzten Lichts vorzüglich. Interessant ist auch die Idee, sämtliche späteren Schauplätze schon im Prolog zu zeigen, was sich allerdings erst erschließt, als dieselben Aufnahmen im Epilog zu sehen sind. Eine im Grunde ganz einfache Idee, die jedoch verdeutlicht, mit wie viel Sorgfalt dieser Film gestaltet worden ist.

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