Krankenversicherung in Frankreich solidarischer

Frankreich hat nach Einschätzung der Politikwissenschaftlerin Renate Reiter mit einer Art Bürgerversicherung ein solidarischer finanziertes Gesundheitssystem als Deutschland. So gebe es eine für alle verbindliche Krankenversicherung, der sich Selbstständige und Beamte nicht wie hierzulande einfach entziehen könnten, sagte Reiter dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zudem werde eine Sozialversicherungssteuer erhoben, die auch auf Kapitaleinkünfte fällig sei.

Die Leipziger Wissenschaftlerin betonte aber, dass die französische Grundversicherung nur rund 70 Prozent der Behandlungskosten bezahlt und deshalb fast alle Franzosen private Zusatzversicherungen abschließen. Zudem müssten die meisten Patienten in Vorleistung treten und sich das Geld später von den Versicherungen zurückholen. "Das ist für Kranke schlechter organisiert als in Deutschland", sagte sie. Der Leistungskatalog der verbindlichen Grundversorgung umfasst der Politologin zufolge allerdings anders als in Deutschland auch Zahnersatz und Sehhilfen. Zudem bekämen insbesondere Arbeitslose und Geringverdiener staatliche Zuschüsse zum Abschluss einer privaten Zusatzversicherung, die bis zu 100 Prozent betragen könnten, erläuterte die Leiterin eines deutsch-französischen Forschungsprojekts zur Krankenversorgung.



Deutschland und Frankreich geben nach Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vergleichbar viel für ihre Gesundheitssysteme aus, nämlich jeweils etwa elf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts. In Frankreich wird das meiste Geld zwar ebenfalls zum Großteil aus Beitragsmitteln aufgebracht, zum Teil aber auch über die Sozialversicherungssteuer CSG, die Lohn und Gehalt mit 7,5 Prozent und Kapitaleinkünfte mit 8,2 Prozent besteuert. Der Arbeitgeberanteil beträgt knapp 13 Prozent des Bruttolohns. Reiter betonte, dass die CSG nicht nur die Kranken-, sondern auch die anderen Sozialversicherungszweige mitfinanziert.

"Es gibt in Frankreich nicht wie in Deutschland diese Möglichkeiten für Besserverdiener und bestimmte Statusgruppen wie Beamte, sich aus der gesetzlichen Krankenversicherung zu verabschieden", sagte die Politologin. Das sei solidarischer. "Zudem hat die Umstellung auf die Sozialversicherungssteuer in den 90er-Jahren das System ein Stück weit egalitärer gemacht." Allerdings könnten sich Gutverdienende bessere Zusatzversicherungen leisten, was neue Ungerechtigkeiten schaffe.

Reiter widersprach der Einschätzung, dass die Umstellung auf eine Bürgerversorgung in Deutschland wegen mangelnder Innovationsreize zu einem insgesamt sinkenden Leistungsniveau führe.