Hannover: Treten Sie ein!

Der Taufkurs verschafft sich einen Überblick über die Hannoveraner Kirchenlandschaft

Foto: Stephan Lackner

Ein Überblick über die Hannoveraner Kirchenlandschaft kann nicht schaden: Die Mitglieder des Taufkurses blicken von der Kreuzkirche auf die Marktkirche.

Wie kann die evangelische Kirche wachsen, obwohl sie kleiner wird? In unserer Gemeindeserie "Jetzt erst recht!" stellen wir verschiedene Strategien vor. Eine davon lautet: Das Eintreten in die Kirche leicht machen. Der evangelische Stadtkirchenverband Hannover tut das mit seiner Wiedereintrittsstelle an der Marktkirche, zu deren Arbeit auch Auftritte bei Hochzeits- und Babymessen gehören. Pastor Stephan Lackner stellt vor einem Kircheneintritt eine einzige Bedingung: Erst nachdenken, ob man wirklich will.

Stephan Lackner kommt ein bisschen ins Schwitzen an diesem Spätsommernachmittag im Buchladen an der Marktkirche. Die Sonne knallt direkt durch die große Scheibe, auf der außen die Worte "Kirche" und "Wiedereintrittsstelle" kleben. Er hält die Hitze tapfer aus, blickt bei jedem Türklingeln aufmerksam auf, ob jemand nach der Wiedereintrittsstelle fragt, lächelt jeden an, der hereinkommt. In einer Nische der Buchhandlung bei den Kinder- und Jugendbüchern hat Pastor Lackner seinen Arbeitsplatz: eine Infotheke und einen Mini-Schreibtisch mit Laptop, Telefon und Smartphone. Man erkennt äußerlich nicht, das Lackner Pastor ist: Er trägt Jeans und ein weißes Karohemd und redet mit "nicht kirchlich verbrämter Sprache, auch nicht mit einem schwulstigen Unterton", sondern ganz normal.

Ein Herr im mittleren Alter kommt herein und hat eine Frage: Er gestaltet eine reformierter Trauung mit und weiß nicht so recht, was denn eigentlich der Unterschied zwischen lutherisch und reformiert ist. Stephan Lackner erklärt es ihm, die beiden kommen noch über kirchliches Ehrenamt ins Gespräch, der Mann nimmt eine Broschüre mit und bedankt sich herzlich. Wer hierher kommt, braucht entweder eine Information von der Kirche oder will eintreten: Im Schnitt finden 250 Menschen pro Jahr über die Wiedereintrittsstelle "Kirche im Blick" den Weg (zurück) in die evangelische Kirche – weil sie ein Patenamt übernehmen, heiraten wollen, zu einem kirchlichen Arbeitgeber wechseln. "Es gibt oft einen offiziellen Anlass, der aber auch dazu geführt hat, dass ein innerer Prozess jetzt abgeschlossen wird", erklärt Lackner. "Ganz viele Menschen haben gemerkt: Mir fehlt was."

Oft gehen die Menschen mit ihrem Anliegen nicht so gern ins Pfarrhaus in ihrem Dorf oder Stadtteil. "Es ist eine bestimmte Schamgrenze da", hat Pastor Lackner aus den Gesprächen herausgehört. "Viele, die ausgetreten sind, kommen sich irgendwie innerlich wie Sünder vor, wenn sie jetzt wieder eintreten. Sie haben Angst davor, darauf angesprochen zu werden." Er selbst fragt nicht nach – oder nur, wenn er merkt, dass die Eintrittswilligen reden möchten. "Es ist doch kein Schock, wenn mir jemand sagt, dass er aus finanziellen Gründen ausgetreten ist", sagt Lackner. Will jemand nichts erzählen, ist der Kircheneintritt in fünf Minuten erledigt. Alles ist möglich – ganz unkompliziert – aber es sollte nichts überstürzt werden. Einmal hat Lackner sogar eine Frau vom Eintritt in die Kirche abgehalten, erzählt er. "Sie sagte: 'Ich hab so das Gefühl. ich muss in die Kirche eintreten.' Dann hab ich gesagt: 'Das ist überhaupt kein guter Grund. Lassen Sie sich das mal durch den Kopf gehen. Und wenn Sie irgendwann das Gefühl haben, Sie müssen nicht in die Kirche eintreten, sondern Sie wollen – dann kommen Sie nochmal wieder.' Und dann kam sie nochmal wieder und sagte: 'Ich möchte jetzt in die Kirche eintreten.'"

"Wir haben das Gefühl, da fehlt was. Meine Oma hat immer mit mir gebetet…"

Der Pfarrer braucht viel Fingerspitzengefühl für den Job: Zuerst muss er herausfinden, ob jemand Fragen hat, reden will oder nur Infos braucht – das alles unaufdringlich und trotzdem einladend. Auf den beiden Hochzeitsmessen "TrauDich" und "Hochzeitstage" in Hannover, wo die Wiedereintrittsstelle gemeinsam mit der katholischen Kirche regelmäßig einen Stand betreibt, benutzt er ein Spiel für den Erstkontakt zu den Brautpaaren: Sie sollen drei rote Kugeln in Plexiglassäulen verteilen, auf denen "Vertrauen", "Geborgenheit", "Sex", "Steuerersparnis", "Liebe" steht – lauter mögliche Erwartungen an die Ehe. "Dann sind sie erst ein bisschen verwirrt", grinst Stephan Lackner, "und während sie überlegen, frage ich: 'Wollen Sie heiraten?' – 'Ja ja' – 'Haben Sie schon an eine kirchliche Trauung gedacht?' – 'Nee nee'."

"Was erwarten Sie von der Ehe?" - Mit Hilfe eines Spiels kommt Pastor Lackner auf Hochzeitsmessen mit Brautpaaren ins Gespräch.

So findet er heraus, dass viele Paare entweder unsicher sind und nicht wissen, wie eine Trauung in der Kirche abläuft – oder aber es selbst so kompliziert machen, dass der Ortspfarrer nicht mitgeht, zum Beispiel zur Zeremonie auf einem Berg. Stephan Lackner wirbt dann um Verständnis für den Kollegen, versucht, "für das Image der Kirche zu arbeiten" und bietet am Ende selbst an, das Paar auf dem Berg zu trauen. Mit rund 600 Brautpaaren reden Lackner und seine Kollegen während einer Messe, "eine wunderbare Gelegenheit, mit den Leuten in Kontakt zu kommen", schwärmt er.

Auf der Babymesse "Infalino" trifft das Team gleich ganze Familien – dort geht es am Kirchenstand um die Taufe. Während die größeren Kinder malen oder basteln, erfahren die Eltern alles rund um das Sakrament. "Viele wissen ja nicht: Wann, wie, wo? Kann ich, muss ich, muss der Pate in der Kirche sein? Wir haben keine Paten, was machen wir denn  dann? Wir kriegen keinen Termin, oder: Wir wollen das nicht im Gottesdienst vor allen machen." Alles Mögliche an Hinderungsgründen führen die Eltern an, "und dann sind wir einfach da und können sie informieren, damit sie ermutigt werden zu sagen: 'Ach ja, wir wollen ja eigentlich taufen. Wir dachten immer, das sei so kompliziert, aber ist es ja gar nicht.'" Bei Sonderwünschen bietet Pastor Lackner auch hier an, die Taufe selbst zu übernehmen, gern in einem extra Gottesdienst nur für die Familie an einem Samstag.

Und er tauft sogar Erwachsene – wahrscheinlich mehr als jeder andere Kollege in und um Hannover. Denn die Eintrittsstelle ist nicht nur eine "Wieder"-Eintrittsstelle sondern auch eine Eintrittsstelle für Menschen, die noch nie Kirchenmitglied waren. Oft seien das Menschen aus den neuen Bundesländern, die in Hannover etwas vom kirchlichen Leben mitbekommen und dann sagen: "Irgendwie möchten wir dazugehören. Wir haben so das Gefühl, da fehlt was. Meine Oma hat immer noch mit mir gebetet…" Außerdem melden sich Menschen, die bei einem kirchlichen Arbeitgeber arbeiten wollen und dafür Mitglied sein müssen. "Da ist dies der Anstoß, der auch wieder Dinge hervorholt. Die Menschen sagen: 'Ich bin jetzt zwar gezwungen, aber ich wollte es eigentlich immer schon.' Da ist so ein großes Gefühl der Zugehörigkeit präsent bei den Leuten", freut sich der Pastor.

Und "damit Leute nicht einfach nur so – wuppdiwupp ein Eimer Wasser – getauft" werden, sondern auch "die Möglichkeit haben, über Dinge zu sprechen und zu verstehen", bietet er Taufkurse an. Meistens zwei pro Jahr mit 10 bis 15 Teilnehmenden, sieben Abende plus zwei Gottesdienste. Es geht um Themen wie Bibel, Abendmahl, Taufe, christliche Ethik und Gottesbilder, es wird diskutiert, gesungen und nachgedacht. Wer zwischendurch merkt: "Nein, ich will doch nicht", der hat die Freiheit, aufzuhören. "Ihr könnt wegbleiben, ohne dass jemand einen Stein hinterher wirft", sagt Pastor Lackner den Leuten im Kurs freundlich. "Aber in der Regel bleiben sie und sagen am Ende: 'Schade, dass es aufhört, können wir nicht noch ein bisschen länger…?'" 

Pastor Stephan Lackner in der Wiedereintrittsstelle in Hannover

Taufe, Hochzeit, Eintritt, Wiedereintritt – alles ist möglich und nichts davon ist kompliziert. Das ist die Botschaft, und sie kommt an. "Da ist jemand, der bahnt den Weg, dass es möglichst einfach ist" – derjenige möchte Stephan Lackner für die Menschen sein. Und weil er gemerkt hat, dass in seiner Nische in der Buchhandlung nicht unbedingt vertrauliche Gespräche möglich sind, möchte er zusätzliche Zeiten in der Marktkirche gegenüber anbieten – für Seelsorge ohne lauschende Bücherkunden in der Nähe. Außerdem denkt Stephan Lackner darüber nach, wie er noch stärker auf Menschen zugehen kann: "Ich möchte zusätzlich zur Komm-Struktur die Geh-Struktur ausweiten", sagt er und träumt von einer mobilen Seelsorge- und Wiedereintrittsstelle. Die stellt er sich als Wohnmobil vor, mit dem auf Wochenmärkte fahren möchte. Kirche soll "einfach da sein, ansprechbar sein", sagt Stephan Lackner – und schaut wieder zur Tür, ob da jemand kommt, um einzutreten.

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