"Wir brauchen einen neuen Begriff von Verkündigung"

Lutz Felbick

Foto: Privat

Lutz Felbick an der Orgel mit seiner Improvisationsgruppe JATO ("Jazz At The Organ").

"Der nonverbale Aspekt kommt insgesamt zu kurz", sagt Kirchenmusiker Lutz Felbick. Ein Gespräch über Musik, Theologie und Verkündigung.

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hat im Lutherjahr 2017 die Kirche aufgerufen, mit dem Beschwören von Krisenszenarien aufzuhören und auf Erneuerung zu setzen. Sehen Sie die Kirche in der Krise? Sind Sie besorgt?

Lutz Felbick: Den Eindruck teile ich. Allerdings bin ich nicht besorgt. Hingegen bedauere ich, dass ich für den Austausch über elementare protestantische Fragestellungen in der Kirche sehr selten Gesprächspartner finde.

Das verwundert. Die Kirche hat doch gerade erst ein intensives Luther-Jahr erlebt, oder?

Felbick: Richtig, nur verfolge ich bezüglich der Musik ein spezielles Interesse an und mit Luther. Er hat nämlich, anders als es heute geschieht, keinen Unterschied zwischen kirchlicher und nichtkirchlicher Musik gemacht. Musik ist für ihn ein Medium, durch welches man den Schöpfer erkennen kann. Die Musik trägt demzufolge ein Potenzial transzendenter Erfahrung in sich.

Eine der Säulen des Protestantismus ist sola scriptura. Mit dem Grundsatz, die Bibel als einzige göttliche Offenbarungsquelle anzusehen, ist die Musik als Ausweis göttlicher Welterschaffung zunächst nicht vereinbar.

Felbick: Unter protestantischen Theologen gibt es durchaus Ansätze, die dem Dogma sola scriptura kritisch gegenüber stehen. Da denke ich beispielsweise an den von mir sehr geschätzten Theologen Paul Tillich und das von ihm benannte protestantische Prinzip. Tillich lehnte eine Überbetonung oder gar Heiligsprechung der Bibel ab. Grundsätzlich sollten einzelne Gegenstände oder Geisteshaltungen keinem Götzendienst zum Opfer fallen. In der einflussreichen Theologie Karl Barths bestehe beispielsweise die Gefahr eines Biblizismus.

Wenn zu Zeiten der Reformation und danach die Kirchenmusik nicht nur begrenzt auf ihre liturgische Funktion verstanden wurde, wie erklären Sie dann ihre spätere Unterordnung unter das Wort, insbesondere in der Praxis der Verkündigung?

Felbick: Ähnlich wie die Philosophie galt auch die Musik lange Zeit als eine ancilla theologiae, als dienende Magd der Theologie. Es gab dann zu der Zeit von Johann Sebastian Bach die Tendenz, sich mit dem Konzept einer sogenannten natürlichen Theologie zu befassen. Diese Entwürfe waren nach der Auffassung der Philosophen jetzt nicht mehr der Theologie untergeordnet. Auch der Musikschriftsteller Andreas Werckmeister, ein Zeitgenosse Bachs, schrieb 1707 im Zusammenhang mit seiner These, Gotteserkenntnis sei 'schattenweise' in der Musik möglich: "Gott offenbahret sich auch in dem Lichte der Natur". Die natürliche Theologie ist dann im 20. Jahrhundert von der Theologie der NS-Zeit missbraucht worden und geriet in Misskredit.

"Niemand ist durch sein Amt in der Gotteserkenntnis sakrosankt"

Hat dies für die Kirche der Gegenwart Folgen?

Felbick: Selbstverständlich. Derjenige, der den Begriff heute benutzt, riskiert, in die Nähe von NS-Theologen gestellt zu werden. Wenn man freilich eine ernsthafte Theologie der Musik entwickeln will, geht das nicht ohne Bezugnahme auf die natürliche Theologie.

Sola scriptura wird in der Verkündigung konkret. Wohlmeinende Kritiker bemängeln die Art und Weise und das Erscheinungsbild von Gottesdiensten in vielen Gemeinden. Wo ansetzen?

Felbick: Wir brauchen einen neuen Begriff von Verkündigung, was ich auf das Verbale wie auch das Nonverbale beziehe. Sicher, Verkündigung geschieht durch das Wort, die Predigt, aber auch in der nonverbalen Dimension, beispielsweise durch eine instrumentale Musik. Bei allem gilt allerdings: Weder ein Pfarrer noch ein Kirchenmusiker sind im Besitz der Wahrheit oder einer Kompetenz von vornherein. Niemand ist durch sein Amt in der Gotteserkenntnis sakrosankt.

Wenn Sie von der nonverbalen Dimension sprechen, meinen Sie dann auch die Performance der predigenden Pfarrerin oder des predigenden Pfarrers?

Felbick: In der gesamten evangelischen Theologie – auch in der Praxis der Verkündigung – kommt der nonverbale Aspekt zu kurz. Das ist ja auch in Statuten so geregelt. Schauen Sie sich doch nur zum Beispiel die Grundartikel der Kirchenordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland an. Sie enthält das Bekenntnis, "dass die Heilige Schrift die alleinige Quelle und vollkommene Richtschnur des Glaubens, der Lehre und des Lebens ist". Damit wird die Dominanz der "Schrift" in einer quasi ideologischen Weise festgelegt. Gottes Größe und Freiheit werden durch diese theologische Engführung in unzulässiger Weise eingeschränkt. Das lässt keinen Raum für das Nonverbale und manch andere Möglichkeiten von außerbiblischen Gottesoffenbarungen.

Eine Vorgabe, die in Ihren Augen mit ursächlich ist für Gottesdienste, die Kirchenbesucher als unbefriedigend empfinden?

Felbick: Wenn ich von nonverbal spreche, meine ich natürlich auch die Performance von Pfarrerinnen und Pfarrern. Körpersprache, Mimik, Gestik, auch die Stimme transportieren einen wesentlichen Teil der Botschaft. Zumindest unbewusst. Denken Sie an den Ausspruch von Paul Watzlawick: "Man kann nicht nicht kommunizieren." Nonverbal offenbart sich ganz entscheidend, ob jemand wahrhaftig redet. Es kommt da auf kongruentes Verhalten an.

"Man merkt einfach, wenn ein Pfarrer nicht bei sich selbst ist"

Rufen Sie nach dem Kommunikationstrainer wie in Wirtschaft, Show und Politik?

Felbick: Es geht nicht um äußerliche Effekte. Das wäre ein Missverständnis. Der Begriff Haltung wäre eher treffend. Ich habe Hunderte von inkongruenten Predigten erlebt. Man merkt einfach, wenn ein Pfarrer nicht bei sich selbst ist, ohne innere Beteiligung agiert. Die entscheidende Weichenstellung sehe ich in der Ausbildung der jungen Theologen. Die Beschäftigung mit künstlerischen und psychologischen Aspekten wird zu wenig berücksichtigt. Sie sollte intensiviert werden.

Sie waren jeweils zehn Jahre haupt- und nebenamtlich als Kirchenmusiker tätig, beschäftigen sich intensiv mit theologischen Fragestellungen. Aus ihrer Sicht: Was erwarten Sie oder wünschen Sie sich für die innerkirchliche Entwicklung?

Felbick: Was Not tut ist ein Umdenken. Die Verantwortlichen in den Kirchenleitungen müssen die Bekenntnisgrundlagen auf den Prüfstand stellen. Was ich mir wünsche? Für den weiteren Verlauf nach der Lutherdekade wünsche ich mir, dass es zu einer neuen Reformbewegung kommt. Diese sollte diese scheinbar gottgegebenen Denkgewohnheiten in Theologie und Kirche ähnlich infrage stellen, wie es damals bei Luther geschehen ist.

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