Döpfners Kurven

Der Vorstandsvorsitzende der AG, die einmal ein Verlag war, wird im Spiegel porträtiert. Der WDR tritt dem Rechercheverbund von NDR und SZ bei; prominentestes Mitglied: Georg Mascolo. Ein Exklusivinterview wirft Fragen an den NDR auf – etwa, warum er es nicht so exklusiv hat, dass er es auch im Original senden kann. Und die Lanz-Debatte inklusive Gründung eines Publikumsrats.

Man weiß gar nicht, was man alles zitieren soll aus dem Mathias-Döpfner-Porträt von Spiegel-Autor Matthias Geyer. Wie wäre es erstmal mit dem Anfang?

"An einem lichtlosen Berliner Wintergarten steigt Mathias Döpfner in ein Flugzeug von Easyjet, um seine Firma zu verkaufen", so beginnt der Text ("Der Kassierer") über den Vorstandsvorsitzenden der AG, die einmal Axel-Springer-Verlag hieß, und für die der Text, glaubt Meedia, "ein veritabler Imageschaden" sei. Gleich im Anschluss kommt Döpfners ungefährer Jahresverdienst (10 Millionen) und ein Abgleich mit dem Trinkgeld für den Kaffeekellner (50 Cent). Das ist so offensichtlich Äpfel mit Birnen, dass man es als schön zusammengestellten Obstkorb zu lesen bereit ist: Geyer beschreibt Döpfner in einem Absatz als großfüßigen unsensiblen Geldsack, kassiert diese Übertreibung aber, zumindest andeutungsweise, indem er sich als Autor selbst mit dem Rechenschieber in der Hand einführt.

Von dieser im Grunde literaraturfähigen Sprechposition aus, die "einen gnadenlosen Verriss" (Turi2) bis zum Eindruck einer "Abrechnung" (Meedia) gestattet, aber ihre unmittelbare Hinterfragung als Möglichkeit einschließt, beschreibt Geyer seinen Gegenstand als Verleger, der keiner ist. Er folgt ihm – der Zugang ist exklusiv, es dürften also von Springer-Seite aus andere Erwartungen mit diesem Text verknüpft gewesen sein – zu einer "Roadshow" von Morgan Stanley nach Barcelona, einem Treffen der Analysten, Fondsmanager und Unternehmer ("Was die Leute, die in dieses Zimmer kommen, langweilt, ist der Begriff 'publisher'. Was sie interessiert, ist der Begriff 'leading'"). Er trifft die Frau, die Döpfner machte, Friede Springer, die als naive Verlegerwitwe eingeführt wird, die im alten Büro ihres Verblichenen sitze "wie eine stille Museumswärterin", von der Geyer aber auch, an dieser Stelle etwas unvermittelt, schreibt, man könne sie "leicht unterschätzen". Und wir begegnen der "Döpfner-Kurve" wieder, die die sinkenden Auflagen der Zeitungen maß, bei denen Döpfner Chefredakteur war. Allerdings kann die alte "Döpfner-Kurve" nach Lektüre des Geyer-Texts zu den Akten gelegt werden – es gibt sie jetzt, am Ende der Ära der Monologmedien, in der Mehrzahl, und sie gehen nach oben:

"Die Kurven, die nach unten laufen, sind die Zeitungskurven. (...) Die Kurven, die nach oben laufen, sind die Digitalkurven. Döpfners Kurven."

Eine entscheidende Passage steht im Zusammenhang mit Alfred Neven DuMont – Spiegel-Autor Geyers früherem Verleger (Newsroom) –, der, als einer vom alten Schlag, sehr gut wegkommt und als Döpfners Widerpart dient:

"Man kann Alfred Neven DuMont glauben, dass ihn der Wunsch nach gutem Journalismus antreibt. Bei Mathias Döpfner sollte man da vorsichtig sein. Er hat sich für einen Supermarkt entschieden. Wenn er von Qualitätsjournalismus redet, meint er wahrscheinlich kleine Ruhezonen. Kleinode, in denen man sich bei dem ganzen Gewimmel niederlassen kann. Wenn er seinen Supermarkt verkleinern müsste, wenn er sich entscheiden müsste zwischen den Ruhezonen und den Schweinekoteletts, dann flögen die Ruhezonen raus. Er könnte vermutlich auch Vorstandsvorsitzender der BASF sein."

Jedenfalls: lesenswert.

Ein Thema, das Anzeichen einer medienpolitischen und Branchendebatte zeigt, hat Anschluss an das Döpfner-Porträt insofern, als es um Georg Mascolo geht: Anders als der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust, der im Text als Döpfners "persönlicher Journalistenpreis" firmiert, geht der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Mascolo bekanntlich (Altpapier vom Donnerstag) doch nicht zu Springer, entwickelt dort also auch kein digitales politisches Magazin. Am Freitag teilte der WDR branchendienstfähig mit, dass er, Mascolo, die Leitung des neuen – im Sinn von: um den WDR erweiterten – Rechercheverbunds von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung übernehme. Ein wenig ausführlicher steht die Nachricht bei FAZ.net. Und zumindest ein kleiner Handkantenschlag Richtung Springer kommt von Neven DuMonts Berliner Zeitung:

"Das Bemühen des Vorstandschefs Mathias Döpfner um Mascolo steht im Zusammenhang mit der Ankündigung, alles zu tun, um die besten Journalisten an Springer zu binden. Viele andere Verlage gibt es ja auch nicht, die Gehälter wie beim Spiegel zahlen könnten. Auch unter diesem Aspekt ist Mascolos Engagement bei SZ, NDR und WDR zu sehen. Journalistisch passt dieses Umfeld ohnehin besser zu ihm."

Bei WDR, NDR und SZ wird derweil logischerweise Freude vermeldet. SZ-Chefredakteur Kurt Kister lässt sich etwa zitieren, die Partnerschaft sei "gut für alle – für Hörer, Zuschauer und Leser, für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und für die Süddeutsche Zeitung". Dass sie Lesern oder "dem Journalismus" schaden könnte, ist tatsächlich unwahrscheinlich, Konkurrenzmedien vielleicht schon eher, wie auch die Berliner Zeitung konstatiert. Beim Investigativressort von Springers Welt ist man jedenfalls – Äußerungen bei Twitter sind natürlich die persönliche Meinung usw. – ein wenig angefressen: "Finanzieren wir mit Rundfunkgebühren privatwirt. SZ-Recherche quer?", fragt Welt-Reporter Lars-Marten Nagel, und dass ein wenig Unbehagen herrscht bei der Konkurrenz, ist natürlich schon nachvollziehbar: Die SZ profitierte etwa von NDR-Mitarbeiter John Goetz' (und, noch vor der Eintütung der Kooperation, Georg Mascolos) Besuch bei Edward Snowden in Moskau. Vor allem aber beim Nicht-Konkurrenzmedium Carta kündigt sich eine kleine Debatte an:

"Weil die schwäbischen SZ-Besitzer knausern (und selbst Milliardäre wie Hubert Burda mit Qualitätsjournalismus nicht mehr überleben können), müssen Geld und Infrastruktur für teuren Journalismus künftig aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten kommen. Das ist die klammheimliche Ausweitung der Rundfunkgebühr zur Kulturflatrate."

Der Artikel schließt mit einem Verweis auf diesen Artikel über SPD-Medienpolitiker Marc-Jan-Eumanns Versuch der "Pressefinanzierung durch Rundfunkgebühr" in der FAZ. Ob sich die Zeitungskollegen der Allgemeinen aus Frankfurt noch einschalten, die am Samstag die Kooperation nur kurz meldeten, werden Sie an dieser Stelle als erstes lesen. Okay, vielleicht als zweites.

Die jüngste Exklusivleistung  des NDR – das erste Fernsehinterview mit Whistleblower Edward Snowden (Mediathek bzw. Youtube, Zusammenfassung bei BLZ oder Tagesschau.de) – ist derweil Grund für Stolz beim Sender, gibt aber auch Grund für Kritik: Da hatte man ein solches Exklusivinterview – und dann wurde es am Sonntag ausgestrahlt, nachdem "Günther Jauch" seine Talkshow zum Thema Edward Snowden schon beendet hatte, womit es vor allem jene erreichen dürfte, die ohnehin schon wissen, wer er ist. (Nachtrag 10:14 Uhr: Eine Kritik des Fernsehabends steht bei Sueddeutsche.de.)

Tobias Gillen und Ekki Kern finden den Umgang des Senders mit weltweit interessierendem Material suboptimal:

"Welcher Zuschauer, der am nächsten Morgen früh aufstehen muss, sieht sich nach der Gesprächssendung noch die 'Tagesthemen' an, wartet den Wetterbericht ab, nur um dann dieses Interview zu sehen, das (ganz nebenbei bemerkt) offensichtlich zwei Tage in Hamburg herumgelegen hat?"

Kleine Rechteklärung und -aufregung dann auch noch gestern abend in diesem Internet: Dass der NDR für eine Interviewversion in der Originalfassung nicht die Rechte hat, wie NDRnetzwelt auf Nachfrage twitterte, ist kurios – schließlich soll es doch ein exklusives NDR-Interview sein. Was das Problem mit den Rechten sein soll, steht bei DWDL:

"Produziert wurde das Snowden-Interview von der Produktionsfirma CineCentrum. Diese in Hamburg, Berlin und Hannover ansässige Firma CineCentrum ist eine 100-prozentige Tochterfirma des Produktionsriesen Studio Hamburg. Und Studio Hamburg ist über die NDR Media GmbH eine 100-prozentige Tochter des Norddeutschen Rundfunks. Das wirft unmittelbar die Frage auf: Warum verweist der NDR auf die berechtigte Nachfrage, warum es keine englische Fassung dieses Interviews gibt, auf den Produzenten – wenn es doch eine NDR-Tochter ist?"

Antwort wäre schon auch noch gut.


ALTPAPIERKORB

+++ Ach, grad eingefallen: Wo wir schon bei Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen sind, was macht eigentlich die Lanz-Debatte? Sie läuft zweigleisig: Es gibt eine Fortsetzung der Wagenknecht-Petition-Diskussion, und dann lief am Samstag auch noch "Wetten, dass..?". Die Ausgabe kommt recht einhellig schlecht weg, nicht nur was die Quoten angeht (DWDL), sondern auch ihre Unterhaltsamkeit. "Lustloser kann man Samstagabendunterhaltung im Fernsehen kaum noch präsentieren – die zweieinhalb Stunden von Karlsruhe haben Markus Lanz mehr geschadet, als all die Unterschriften bei dieser Online-Petition" (Tagesspiegel) +++Die FAZ kann, online, der Show noch am meisten abgewinnen: "man kann es Markus Lanz, der die Show mit Sicherheit nicht niveauloser gemacht hat, kaum verdenken, nüchterner aufzutreten. Nüchternheit und Showgeschäft aber sind nun einmal nicht die besten Freunde" +++ "Lanz fehlt jede Distanz zum Gegenstand, bei ihm ist immer alles wahlweise 'Wahnsinn' oder mindestens doch 'super'" (Berliner) +++ Die SZ sah den Höhepunkt im Gespräch mit Liam Neeson: "Wer sehen wollte, was Lanz wirklich kann, sah das, als er mit Neeson sprach. Hier der gelassene Star, daneben ein aufgeregtes Etwas, das sich mit servilen Fragen anzuschmieren versucht und sich etwas von Neesons Charisma abschneiden will. Da wird man beim Zuschauen rot" +++ Ich selbst fand die Show, für Zeit Online, altbacken +++

+++ In der größeren Lanz-Debatte, die eigentlich eine über die Programmschemata der Öffentlich-Rechtlichen und über Petitionen ist, aber sich an einer einzelnen Figur entzündet, kommentierte Andrian Kreye in der SZ: Es handle sich bei dieser Anti-Lanz-Petition und vergleichbaren um "Simulationen politischer Aktion"; sie machten das Petitionswesen zur Kundenbewertung, zu einem "Abbild momentaner Launen". Er schließt: "Lassen sich Aktion, Gemeinschaft und Willensbildung mittels einfacher Benutzeroberflächen simulieren, wird das die Energien breiter Schichten soweit ablenken, dass wirksame politische Aktion immer unwahrscheinlicher wird. Das entwertet auch die Kraft des Internets" +++ In der FAS gibt es gleich zwei kommentierende Texte. Harald Staun kritisiert, "dass einem nicht einmal der Moderator einer dummen Talkshow mehr egal sein kann", seit die Rundfunkgebühr eine Haushalts- und folglich Zwangsgebühr sei. Er stellt zudem u.a. einen "unangenehm hetzerischen Ton" in der Empörung über Lanz fest, den Stefan Niggemeier im zweiten Kommentar verteidigt: Petitionen seien "legitime Meinungsäußerungen von Bürgern", und "ihr Zorn muss nicht einmal gerecht sein". Niggemeier, dem im Spiegel bescheinigt wird, der erste Journalist gewesen zu sein, der auf den "TV-GAU" – Lanz vs. Wagenknecht – hingewiesen habe, glaubt, "was anscheinend vielen Journalisten an alldem nicht geheuer ist", sei, "dass heutzutage jeder jederzeit alles kommentieren kann", und er kritisiert in seinem Text auch meine Meinungsäußerung in der TAZ (Altpapier vom Freitag) +++ Alexander Kühn hebt im Spiegel auf die Anonymitätsdebatte ab und kritisiert "anonyme Pöbelei" +++ Und gerade noch ganz frisch reingekommen: Niggemeiers gebloggte Kritik der Kritik an der Lanz-Petition +++ Jenseits der Frage, ob eine Petition, die man unterschreibt, nun das Gleiche ist wie eine Kommentarspalte, gibt es eine konstruktive Wendung: "Am 23. und 24.1.2014 gründete sich im Zuge der öffentlichen Auseinandersetzung um die Abend-Talk-Show (Lanz) der unabhängige Publikumsrat für ZDF, ARD und Deutschlandradio" (Publikumsrat.blogspot.de) +++ Hans Hoff glaubt bei DWDL allerdings nicht an ihn: "Einen Publikumsrat gibt es aber. Er heißt Fernsehrat oder Rundfunkrat und hätte schon jetzt alle Möglichkeiten der Intervention zur Hand. Er nutzt sie nur nicht. Glaubt also irgendwer, ein neuer Publikumsrat würde jenseits einer hyperaktiven Anfangseuphorie irgendetwas ändern? Ist die Bild-Zeitung besser geworden, seit sie einen Leserrat hat?" +++

+++  Die WamS feiert einen Scoop, der Willi Winkler in der SZ nicht so gut reinläuft: "Die Welt am Sonntag versprach gestern rot grundiert 'Himmler – Handschrift eines Massenmörders'. Diese Handschrift besagt nicht viel, aber das ist für Chefredakteur Jan-Eric Peters kein Grund, nicht trotzdem ein gewaltiges Getöse zu veranstalten. Eine achtteilige Serie wird angekündigt, und die Leser dürfen sich auf ein 'außergewöhnliches Online-Special' freuen. Ja, es heißt tatsächlich so: www.welt.de/himmler-special, Himmler zum Runterladen. Die bisher bekannt gewordenen Zitate sind von ähnlicher Belanglosigkeit wie die Flatulenzen Hitlers, über die sein Ghostwriter Konrad Kujau seinerzeit in den Stern-Tagebüchern so großzügig informierte. Briefliche Mitteilungen an seine Frau wie 'Ich fahre nach Auschwitz. Küsse, Dein Heini' werden zu einer Weltsensation aufgeblasen" +++

+++ Im Fernsehen: Ein Pro und Contra zu "Ich bin ein Star – holt mich hier raus!" gibt es bei der FAS +++ Der "Tatortreiniger" des NDR soll fortgesetzt werden, so die SZ, die nicht komplikationslose Gespräche erwartet +++ Ebenfalls in der SZ: Bill Cosby kehrt mit 77 Jahren auf den Sender zurück: "Er soll in einer neuen Serie, die von Herbst an ausgestrahlt wird, das Oberhaupt einer Multi-Generationen-Familie geben, bei der es um Themen in den Bereichen Ehe und Erziehung gehen soll. Also ein bisschen wie die vielfach ausgezeichnete Serie Modern Family – nur ohne den bisweilen auch gemeinen Humor" +++ Die FAZ bespricht "Inspektor Jury" (ZDF, 20.15 Uhr) +++ Und im Radio läuft ein Hörspiel über Nordkoreas ehemaligen Diktator (SZ, TAZ) +++

+++ Sonst noch: Max Mosley (Spiegel), Aufschrei beim Stern (Tagesspiegel), "chinesische Verhältnisse" in der Türkei (TAZ) und personelle Veränderungen im ZDF-Fernsehrat (Funkkorrespondenz) +++

Das Altpapier gibt es am Dienstag wieder.